Paartanzen ist altmodisch und out! Hier sind die Gründe:
Autor:
Funkslowstep (78.54.208.---)
Datum: 15. April 2010 05:14
Die Debatte, dass Gesellschaftstänze "aus der Mode" seien, inzwischen Exotenstatus haben und immer weiter verschwinden, führt niemand zum Tabuthema: Musik! Ich liefere viele Gründe, weshalb dieses Hobby ausstirbt, wenn nicht endlich das Tanzschulwesen in seiner heutigen Form abgeschafft und revolutioniert wird.
1) Es gibt keine Salons und "Tanzlokale" mehr, wie vor 100 und weniger Jahren noch. Orte, wo Gesellschaftstänze praktiziert und gepflegt werden, die außerhalb von Tanzschulen bestehen, existieren nicht mehr. Wo ist dann noch ein Anlass oder Grund, Tänze zu lernen, die da noch "Gesellschafts"-Tänze heißen? Man braucht sie nirgendwo mehr, in keiner "Gesellschaft". Es gibt keine "Gesellschaft" mehr.
2) Es gibt kein öffentlich funktionierendes Freizeitangebot für Paartanz. Tanzschulen wollen nur mit Unterricht Geld verdienen und nicht mit einem Partyangebot, das zu Discotheken eine konkurrenzfähige Alternative wäre. Gäste werden vielfach nicht zugelassen und müssen draußen bleiben oder erst einen Tanzkurs belegen. Das ist Erpressung und obendrein völlig gegen jedes betriebswirtschaftliche Prinzip. Ein zögerlicher Neuling, der nur mal kucken oder vielleicht auch tanzen will, wird dabei abgeschreckt und dient nicht mehr als Werbemultiplikator.
3) Seit 40 Jahren ist kein einziger überlebensfähiger Paartanz mehr entwickelt worden, obwohl sich die Musiklandschaft in der selben Zeit vollständig von dem entfernt hat, was bis in die 60er Jahre noch "in" war. Der letzte Paartanz, der kein Modetanz war und heute noch gebraucht wird, ist der Discofox zu Beginn der 70er Jahre gewesen. Aber was tanzt man auf Funk, Ska, Soul, Hardrock, Metal, Reggae, Drum & Bass, Punk,Stoner Rock,Irish Folk, Punkrock, Alternative, Melodic Hardcore, Mittelalterrock, Dub Reggae, Neofolk, Rocksteady, Acid Jazz, Elektro, Psychobilly usw. usw. usw.? Diese Musikrichtungen existierten in den 60er Jahren noch gar nicht, trotzdem ist das Tänzerepertoire immer noch das selbe mickrige von damals.
4) Tanzschulen unterbrechen den Musikfluss und sagen die Tänze an! Egal, ob Anfänger oder langjährige Kunden dabei sind, sie werden für dumm verkauft. Ihnen wird unterstellt, nicht selbst genug Kompetenz zu haben, die Tänze zu erkennen. Und selbst, wenn dem so sein sollte - das hat nicht das Problem für den Tanzabend zu sein, sondern für den Unterricht. Der Tänzer wird sozusagen entmündigt und kann sich nicht mal zwischen konkurrierenden Tänzen wie Discofox und Chachacha selbst entscheiden. Im Beibringen der Fähigkeit, Tanzryhthmen selber zu erkennen und keine Ansagen zu benötigen, haben bis heute alle Tanzschulen kläglich versagt, obwohl genau dies ihre teuer bezahlte Aufgabe per definitionem ist!
5) Die Musik ist grundsätzlich kacke und mit den gegenwärtigen Kunden, die alle 50 und älter sind, alt geworden. Gespielt werden nur Schnulzen, Galacover, Tanzorchester, Schlager, Bigbandnummern, Evergreens, James Last, Kurt Edelhagen, Max Greger, Klaus Hallen, Bert Kaempfert, Hugo Strasser, die ausgelaugtesten Alt-Hits und Superoldies. Von den Leuten unter 30 kann sich niemand mit diesem Mist identifizieren, niemand hört privat zu Hause solchen Blödsinn. Da das seit den letzten 40 Jahren schon so geht, ist das Paartanzpublikum komplett veraltet und der Nachwuchs weggebrochen. Man muss nur hier im Forum mal die Tanzpartnergesuche überfliegen und sieht sofort, dass so gut wie niemand unter 40 dabei ist. Ein Musik bedingtes Rentnerhobby.
6) Den Tanzschulen lastet immer noch das Dünkel der spießigen Sittenwächter und Gralshüter an, die die Rockmusik scheuen wie der Teufel das Weihwasser und auf gepflegteste Abendgarderobe Wert legen, die aber die Jugend überhaupt nicht trägt. Lochjeans, grelles Outfit, schrille Wäsche, Piercings, Tattoos, bunte Haare, Nietenarmbänder usw. geben seit jeher den Ton an, aber damit darf man sich ja ab 20 Jahren nicht in der Tanzschule blicken lassen, ohne geächtet zu werden.
7) Musik, die nicht in das obsolete Klangbild wie unter Punkt 5 beschrieben passt, wird grundsätzlich nicht gespielt. Das wäre ja Musik, die unter Punkt 3 aufgelistet wurde und unsere heutige zeitgemäße Klanglandschaft repräsentieren würde. Wie soll so der Nachwuchs noch einen Anreiz haben, Paartänze zu lernen, wenn die heutigen Musikstandards und -vorlieben nirgendwo berücksichtigt werden?
8) Kein einziger Tanzlehrer hat eine musikalische (Musikhochschule) oder auch nur musische (Amateurmusiker) Ausbildung, was dazu führt, dass deren Gehör über Generationen vermittelt ausschließlich idiotensichere Rhyhtmen zulässt und andere nicht als paartanzgeeignet erkannt werden. Heutige Musik ist größtenteils aber eben NICHT monorhythmisch, sondern polyrhythmisch und der elementare, typische Rhythmus erklingt eben NICHT permanent, auch nicht in klischeehaft typischen Instrumenten. Das hört aber ein konventioneller, in Musik nicht ausgebildeter Tanzlehrer nicht und erkennt deshalb Musik, wo der typische Rhythmus nicht permanent durchläuft, nicht als tanzbar an. So schließt sich der Teufelskreis mit Musik, die unter Punkt 5 beschrieben wurde, denn die ist idiotensicher und klingt auch so - idiotisch und altmodisch. Tanzlehrer sind insofern auch völlig überfordert mit den zeitgenössischen Musikgenres, wie sie unter Punkt 3 aufgezählt wurden, weil sie nur auf den völlig veralteten Präsenzbestand an Musik in der Tanzschule zurückgreifen und nicht das geringste Risiko eingehen, wie ein DJ mal ganz neue Titel und Genres auszuprobieren. Kein Tanzlehrer wird von Labels der Plattenindustrie bemustert, DJs schon. Diese bekommen deshalb ständig Neuheiten rein. Auch stilistische.
9) Ich wiederhole mich: Menschen gehen in die Disco, weil ihnen die dortige Musik, der Sound, gefällt, vielleicht um zu tanzen. Dazu muss ich weder ein Paar noch ein Pärchen sein. Für jedes Genre gibt es eine spezialisierte Disco. Tanzschulen - die einzigen Orte, wo vielleicht noch Paartänze gebraucht werden könnten, wenn eine Tanzveranstaltung angeboten wird - haben überhaupt gar keine Ahnung von den Musikinteressen, die die Leute wirklich anziehen und in die Clubs locken. Für Singles ist das ein Schuss in den Ofen.
10) An den Umsatzstärksten Wochentagen für die Gastronomie, nämlich Fr/Sa/vor Feiertagen, ist in Tanzschulen absolut tote Hose. Abends um 22:00 oder kurz später, wenn die Clubs und Discotheken erst öffen, wird die Tanzschule auch noch dicht gemacht. So wird bewiesen: Tanzen lernen lohnt sich nicht. Das ist reiner Selbstzweck ohne jedwede gesellschaftliche Notwendigkeit.
11) Zu den 5 Lateintänzen gehört der Paso Doble. Der ist aber kein "Gesellschaftstanz", weil es dafür nur ein einziges Musikstück gibt, das ständig neu arrangiert wird. Oder es werden Popsongs mit Gewalt als Coverversion von Tanzkapellen zum Paso Doble umgepresst (z.B. 'The final countdown' von Europe), weil es gar keine Originaltitel gibt. Es gibt in der Musiklandschaft derletzten 40 Jahre keinerlei musikalische Vorbilder (=Titel) dafür, warum soll ich also diesen Unfug lernen? Kein Mensch braucht diesen stilisierten Torrerostierkampf, wo die Frau völlig unterwürfig als Fächeltuch um den Mann herumgewedelt wird. Als "Gesellschaftstanz" ist Paso Doble völlig unbrauchbar, dennoch muss ich diesen Quatsch lernen, statt einen lebenden, lebendigen, aktuellen oder sogar zeitlosen Tanz, der Chancen auf Langlebigkeit hat, lernen zu können (allen voran Salsa, gefolgt von Cumbia, Merengue oder Zouk). Selbst der Rock'n Roll wird als "Modetanz" der 50er Jahre abqualifiziert, obwohl die Schrittfolge bestens für heutige (harte) Rockmusik und Heavymetal geeignet ist. Den muss ich jedoch in Sonderkursen lernen und dann kommt auch prompt nur Chuby Checker, Bill Haley, Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis oder der frühe Elvis Presley. Wir haben aber nicht mehr die 50er Jahre, sondern sind 60 Jahre weiter!
12) Der Discofox ist der allgemein bekannteste, brauchbarste und am leichtesten zu lernende Tanz, er wird aber nur im Grundkurs und sonst in Sonderkursen unterrichtet (genau wie Rock'n Roll). Ich könnte ihn bei jeder Party anwenden, sogar in Discos sieht man ihn manchmal (OK, Ü30-Parties), er hat also ein gewisses öffentliches Erscheinungsbild. Beigebracht wird er aber grundsätzlich zu deutschen Schlagern. Discofox und Schlager sind in der Tanzschule ein Synonym! Das ist Imagevernichtung! Discofox ist kein Schlagertanz! House und Dancefloor und etliche Popstücke sind eindeutig die edlere, musikalisch wertvollere Wahl und sprechen vorallem auch die Mehrheit an.
13) Mitgebrachte Musiktitel werden als Wunsch aus den oben angesprochenen Gründen grundsätzlich zurückgewiesen - aus purer Angst vor Rockmusik oder was da sonst kommen mag. Es reicht schon aus, dass das Stück oder die Band/der Interpret dem Tanzlehrer nicht bekannt ist, und schon gibts dafür ne Absage, selbst wenn versichert wird, selber darauf garantiert zu tanzen. Ich will aber nicht einen bestimmten TANZ haben, ich will DIESES STÜCK zum tanzen hören. Pech gehabt, kennt der Bauer nicht, frissta nich. Reinhören nützt nichts, der Titel entspricht nicht der paartänzerischen Industrienorm oder dem spießigen Klangideal, also weg damit. In einer normalen Disco komme ich gar nicht erst auf die Idee, eine eigene CD mitbringen zu müssen, weil ich mir den Sound und das Genre ja aussuchen kann und mich logischerweise dort aufhalte, wo ich eh die Musik mag, mit der ich mich auch privat identifiziere. In der Tanzschule geht das überhaupt nicht.
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Und jetzt soll noch jemand über 40 behaupten, Paartanzen sei angesichts dieser riesigen Liste von Defiziten noch zeigemäß, ha ha! Paartanz in der heutigen Form ist eine Historie des Versagens, die bis in die 60er Jahre zurück reicht. Das allgegenwärtige spießige und provinzielle Image heutiger Tanzschulen - und ich spreche von Standard/Latein/Discofox - scheitert seit Jahrzehnten beim Nachwuchs. Ich gehöre dazu. Und tausende andere auch, die lieber in ihre Clubs und Discotheken gehen, wo aktuelle, zeitgemäße, einfach IHRE Musik gespielt wird und nicht "Tanzmusik". Man braucht zum Paartanzen keine spezielle "Tanz"-Musik! Man bekommt sie dennoch aufgezwungen, von Anfang an, bis man nach spätestens 2 Kursen nicht mehr kommt, weil man sich diese Quälerei einfach nicht mehr antun will.
Stünde ich mit meiner Meinung alleine da, wären die Tanzschulen voll und nicht etwa die Discotheken und Szeneclubs. Tanzschulen sind nicht am Markt orientiert, sondern nur an der Verteidigung ihrer konservativen, traditionalistischen Wertvorstellungen interessiert. Darum bleibe ich ihnen fern.